Finanztypen – Gibt es den typischen deutschen Kreditnehmer?

Es war noch nie so einfach möglich, einen Kredit aufzunehmen, um größere Anschaffungen oder die Traumreise zu finanzieren. Dank der jahrelangen Null-Zins-Politik der Europäischen Zentralbank befinden sich die Zinsen auf einem extrem niedrigen Niveau. Die Online-Portale bieten einen hervorragenden Überblick über die Kredite von mehr als 20 Banken, sodass es nicht mehr nötig ist, umständliche Bankgespräche mit dem Bankberater in der Filiale zu führen.

Ein weiterer Faktor für die zunehmende Bereitschaft, Kredite aufzunehmen, ist die Tatsache, dass es kaum noch möglich ist, mit konventionellen Sparkonten lukrative Habenzinsen zu erwirtschaften. Außerdem können Bankkunden auf einem Kreditvergleich im Internet mit wenigen Klicks Zinsen berechnen und sich über die besten Kreditangebote informieren. Somit erscheint es wenig sinnvoll, zunächst jahrelang Geld für einen Neuwagen oder die Renovierung anzusparen, wenn man die Anschaffungen mit einem zinsgünstigen Kredit finanzieren kann. Es stellt sich die Frage, welche Merkmale den durchschnittlichen deutschen Kreditnehmer auszeichnen?

Wie alt ist der durchschnittliche deutsche Kreditnehmer?

Tendenziell steigt die Höhe der Kreditsumme mit dem Alter an. Das ist damit zu erklären, dass auch das Einkommen, das einen entscheidenden Einfluss auf die Bewilligung von Krediten hat, sich parallel zum Lebensalter positiv entwickelt. Die jüngsten Kreditnehmer, die bereits mit vollendeter Volljährigkeit zwischen 18 und 19 Jahren einen Kredit aufnehmen, müssen durchschnittlich 4.300 Euro Kreditschulden zurückzahlen. Neben der Einrichtung der ersten Wohnung oder der Finanzierung des Führerscheins benötigen junge Leute oft einen Kredit, um Kosten einer Ausbildung oder eines Studiums zu bewältigen.

Im weiteren Verlauf des Lebens steigt die Kredithöhe sukzessive an und erreicht bei Kreditnehmern der Altersklasse zwischen 50 bis 54 Jahren mit im Durchschnitt 11.784 Euro ihren Höhepunkt. Bis zum Eintritt ins Rentenalter zwischen 60 und 64 Jahren bleibt das Niveau ungefähr gleich und liegt bei über 11.000 Euro. Erst ab 65 Jahren sinkt die Kredithöhe wieder und in einem Alter von über 74 Jahren muss der durchschnittliche deutsche Kreditnehmer noch Kredite in Höhe von 7.571 Euro tilgen. Das Absinken der Kredithöhe mit zunehmenden Alter ist damit zu erklären, dass Banken älteren Kreditnehmern Kredite generell nur noch zurückhaltend gewähren.

Nehmen deutsche Kreditnehmer immer höhere Kredite auf?

Die Betrachtung des Zeitraums von 2015 bis 2017 zeigt, dass das Kreditvolumen tendenziell steigt. 2015 betrug die Kredithöhe im Durchschnitt 9.552 Euro, 2016 war ein Anstieg auf 10.225 Euro zu
verzeichnen und 2017 mussten die Kreditnehmer 10.272 Euro Kreditschulden bewältigen. Bankkunden zeigen allgemein eine wachsende Bereitschaft, große Ausgaben mit Krediten zu finanzieren, um vom aktuellen Zins-Tief zu profitieren und günstige Angebote wahrzunehmen. Darüber hinaus bieten die niedrigen Zinsen eine Chance zur Umschuldung, wobei teure Altkredite zusammengefasst oder Dispo-Kredite ausgeglichen werden.

Wie schnell zahlt der deutsche Kreditnehmer seine Bankschulden zurück?

In den letzten fünf Jahren ist eine Tendenz hin zu längeren Laufzeiten zu beobachten. 2012 wurden die Kredite durchschnittlich in 43,1 Monaten zurückbezahlt und 2017 ließen sich Kreditnehmer dafür 49 Monate Zeit. Auch diese Entwicklung ist mit den historisch niedrigen Zinsen zu erklären, die eine erhebliche Auswirkung auf den Zinseszins-Effekt haben. Eine längere Laufzeit erhöht die Zinsbelastung nicht so drastisch wie dies in einer Hochzins-Phase der Fall ist, sodass sich Kreditnehmer mehr Zeit lassen, den Kredit in kleineren Monatsraten abzuzahlen.

Zahlungsschwierigkeiten: In welchen Bundesländern haben Kreditnehmer Probleme mit der Tilgung?

Trotz niedriger Zinsen und langer Laufzeiten geraten im Bundesdurchschnitt 9,40 Prozent aller Bankkunden in Zahlungsschwierigkeiten und haben Probleme, die Kreditschulden zu bewältigen. Betrachtet man dabei die einzelnen Bundesländer, so fallen deutliche regionale Unterschiede auf. Schlusslichter sind Bremen und Berlin – Hier beträgt der Prozentsatz von Bankkunden mit Zahlungsschwierigkeiten 12,70 und damit über 84 Prozent mehr als in Bayern, wo mit durchschnittlich 6,90 Prozent die wenigsten Kreditnehmer Zahlungsschwierigkeiten haben.

Im einstelligen Bereich befinden sich neben Bayern auch Baden-Württemberg (7,50 Prozent), Sachsen (8,70 Prozent), Thüringen (8,80 Prozent) sowie Hessen (9,00 Prozent), Niedersachsen (9,10 Prozent), Rheinland-Pfalz und Brandenburg (jeweils 9,20 Prozent). Auch in Schleswig-Holstein (9,60 Prozent) und dem Saarland (9,70 Prozent) liegt die Quote noch leicht im einstelligen Bereich. In Hamburg (10,20 Prozent), Mecklenburg-Vorpommern (10,40 Prozent), Sachsen-Anhalt (11,00 Prozent) und in Nordrhein-Westfalen (11,20 Prozent) ist die Quote der Kreditnehmer mit Zahlungsproblemen ebenfalls wie bei den Schlusslichtern Bremen und Berlin zweistellig.